Kapitel 1
Ich kann Standardgesichter, Standardgedanken und Standardmenschen nicht ausstehen. Ich brauche etwas Außergewöhnliches. Das Ungewöhnliche ist der Motor, der mich antreibt, weiterzugehen und mich selbst und meine Welt zu vervollkommnen, und wisst ihr was – ich mag das!
Seit meiner Kindheit habe ich an mir gearbeitet. Tanzen, Zahnspange, Fitnessstudio, Englischunterricht. Schließlich hatten sich meine Eltern alle Mühe gegeben, damit ihre einzige Tochter zu einer Königin heranwuchs, und nun betrat ich jeden Raum, ohne die schiefen Blicke und das Getuschel hinter meinem Rücken zu bemerken. Diese Welt gehörte den Mutigen und Zielstrebigen, und ich hatte fest vor, in ihrem Fahrwasser zu bleiben. Nein danke, Schlaglöcher und Holperpisten waren nichts für mich.
Die Tür flog weit auf und schlug dumpf gegen die Wand. Der Geschichtsdozent, der gerade am Pult stand, drehte den Kopf und begrüßte mein Auftauchen im Hörsaal mit einer Frage:
„Korsak?“ Die Brauen des Mannes hoben sich streng. „Und warum überrascht mich das nicht? Sie kommen schon wieder zu spät! Ich war praktisch bereits im Begriff, mit dem Thema der heutigen Vorlesung anzufangen.“
Oh. Warum gefiel es eigentlich allen Leuten mit akademischem Abschluss so gut, den Studenten das Joch der Schuld aufzulegen?
Ich hob die Hand und sah ruhig auf die Uhr.
„Praktisch, aber Sie haben noch nicht angefangen, oder? Die exakte Greenwich-Zeit sagt mir, dass bis zum Beginn der Vorlesung noch siebenundzwanzig Sekunden bleiben. Das reicht völlig, um einen freien Platz zu besetzen und meine Mitschrift herauszuholen.“
Ich ließ die Hand sinken und lächelte dem Dozenten breit zu.
„Guten Tag, Wassili Jurjewitsch! Sehen Sie, ich hatte recht. Wenn auch erst im zweiten Anlauf, aber Sie haben sich meinen Nachnamen gemerkt!“
„Ähm …“
„Ich verspreche, künftig noch pünktlicher zu sein. Darf ich mich jetzt setzen? Ich liebe Ihre Vorlesungen!“
„Setzen Sie sich schon, Korsak!“
Na also. Warum sagte er das nicht gleich? Musste er mich unbedingt vor allen zurechtweisen!
Ich behielt mein selbstsicheres Grinsen bei, wandte mich dem Hörsaal zu und sah mich um.
Natürlich. Alle Studenten hatten neugierig den Kopf gehoben und beobachteten unser Gespräch mit dem Historiker – wer hätte das gedacht! Alle außer dem lockigen Blondschopf mit Brille. Ich heftete meinen Blick auf ihn, schlug die Tür zu und klackerte mit den Absätzen über das alte Parkett. Zwischen den Tischreihen ging ich auf ihn zu und spürte, wie sich der Stoff meines kurzen Kleides über meinen perfekten, gebräunten Oberschenkeln spannte.
Als ich den richtigen Tisch erreicht hatte, warf ich meinen langen schwarzen Pferdeschwanz zurück und setzte mich neben den Blonden.
„Hi, Frosty“, sagte ich begeistert, „da bin ich!“
Anton Morosow antwortete nicht. Er presste die Lippen fester zusammen, rückte seine Brille zurecht und steckte die Nase in seine Mitschrift, als hätte ich gar nicht ihn angesprochen. Dafür meldete sich der langbeinige Vollpfosten aus der Nachbarreihe. Wie hieß der noch gleich?
„Du bist eine echte Giftspritze, Agneschen, aber das macht mich total an! Du solltest in Erwachsenenfilmen mitspielen – in der Uniform eines SS-Majors. Ich würde mir das ansehen!“ Er lachte widerlich und starrte dabei auf meine Brust. „Ha-ha-ha! Das würde ich mir wirklich ansehen!“
Sag ich doch – ein Vollpfosten. Sein Humor lag im Marianengraben, ohne jede Hoffnung auf Rettung. Bei seinem schiefen Grinsen musste ich ihm ernsthaft die Zähne zeigen.
„Halt die Klappe, Slumow, solange dein Motor noch läuft! Sonst kann ich deine schiefen Glotzer auch noch ausknipsen. Ohne Uniform eines SS-Majors, nur mit einer Maniküre!“
Mein manikürter Mittelfinger sah großartig aus, und ich beeilte mich, ihn vorzuführen. Der Typ verstummte, aber sicherheitshalber hielt ich meinen dunklen Blick noch einen Moment auf ihm. Mit der Giftspritze hatte er recht. Er hatte nur „nachtragend“ vergessen!
Ich wandte mich zum Pult, öffnete meine Handtasche und holte Heft und Stift heraus. Dann sah ich wieder zu Morosow. Ich runzelte die Stirn, als ich seinem Blick folgte.
Genau ein Monat war vergangen, seit wir uns kennengelernt hatten, und ich hatte ihm Zeit gegeben, sich an mich zu gewöhnen. Heute lief diese Frist ab, und Morosow nahm mich immer noch nicht wahr, geschweige denn, dass er irgendein Interesse zeigte. Damit wollte ich mich nicht länger abfinden.
Ich erinnerte mich an unser erstes Treffen und an mich selbst – damals hatte mich etwas wie ein Blitz getroffen …
Alles war genauso gewesen wie heute, nur das Datum war ein anderes. Derselbe Hörsaal, eine gemeinsame Vorlesung für zwei Gruppen und derselbe Wassili Jurjewitsch, der versuchte, die laut gewordenen Studenten zur Ruhe zu bringen …
„Jetzt reicht es, junge Leute! Ich bitte um Aufmerksamkeit, wir haben ein ernstes Thema! Was schreit ihr denn so herum wie nutzlose Heuschrecken!“
Ich hatte diesen Hörsaal schon monatelang besucht, aber ausgerechnet an diesem Tag hatte ich mich mit Tamara Abasowa, meiner Freundin, gestritten und mich auf den freien Platz in der letzten Reihe gesetzt. Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich meinem Schicksal begegnen würde … Oh nein, ich wäre nicht, wie ihr denkt, davongelaufen. Ich hätte nur nicht so viel Zeit vergeudet! Damals hatte ich meinen Sitznachbarn gar nicht beachtet – einen langhaarigen, lockigen Blondschopf. Nerds hatten mich nie interessiert, und Brillenträger schon gar nicht! Doch der Junge lachte plötzlich leise, und ich erstarrte, weil ich zu meiner eigenen Überraschung auf dieses Lachen reagierte. War es etwa echt? Es klang anders als jedes andere.
Plötzlich kam es mir vor, als würde er über mich lachen. Aber das war unmöglich! Niemand hatte sich je über Agnia Korsak lustig gemacht!
„Hey, warum lachst du?“ Ich weiß noch, wie ich mich zu ihm umdrehte, bereit, den Frechling zurechtzuweisen. Doch es stellte sich heraus, dass er mich gar nicht ansah!
Er zuckte nur mit den Schultern, rückte die Brille auf seiner Nase zurecht und antwortete:
„Weil es peinlich ist, dass ein Historiker mit so einem Axiom um sich wirft. Vor allem, wenn man weiß, dass dieses Insekt schon mehr als einmal Tausende Menschen vor dem Hungertod bewahrt hat.“
„Heuschrecken?“ Ich warf meinem Nachbarn einen überheblichen Blick zu. „Ach komm! Das meinst du doch nicht ernst?“
Zum ersten Mal sah er mich an, vollkommen ernst, und ich verlangte:
„Wie soll das möglich sein? Erklär es mir.“
„Ganz einfach. Der letzte große Fall war, als die Roten Khmer* nach Kambodscha kamen und eine Hungersnot ausbrach. Die Menschen brieten und kochten Heuschrecken und konnten nur so überleben. Man kann dieses Insekt also unmöglich nutzlos nennen. Es enthält jede Menge wertvolles Eiweiß!“
Was?! Igitt!
Offenbar hatte ich zu lange mit meiner Antwort gezögert, und mein Gesicht hatte den inneren Konflikt über das Gehörte verraten, denn der Junge fragte plötzlich misstrauisch:
„Ich hoffe, du weißt, wer die Roten Khmer waren?“
Ich? Nicht die geringste Ahnung! Aber das würde ich noch heute unbedingt herausfinden!
„Natürlich!“, schnaubte ich selbstsicher.