Kapitel 1
Kurze Gerade. Dich zurückholen.
„Ich liebe dich.“
„Ruslan, du bist betrunken.“
„Na und? Das ändert nichts, Schnee. Ich liebe dich.“
„Ich habe einen Namen, nicht diesen dämlichen Spitznamen. Und du hast eine Minute, um mein Zimmer zu verlassen. Bitte, das ist nicht meine Party, ich will allein sein. Ich muss lernen.“
„Du bist so verdammt korrekt, als wärst du einem beschissenen Lehrbuch entsprungen! Du musst einfach leben!“
„Und du bist immer noch der verwöhnte, egoistische Bengel, der daran gewöhnt ist, alles zu bekommen, was er will! Ich weiß nicht, warum ich überhaupt mit dir rede.“
„Dein ganzes Leben besteht aus nichts als verdammten Regeln! Hast du das nicht satt?“
„Nein. Meine Regeln gehen dich nichts an! Jedenfalls weiß ich wenigstens, was ich sage und zu wem!“
„Denkst du, ich lüge?“
„Ich denke, du spielst. Amüsierst dich. Du behandelst Menschen gern wie Spielzeug. Treibst sie in die Enge und beobachtest, was als Nächstes passiert. Wie du siehst, kenne ich dich auch ziemlich gut.“
„Aber nicht dich. Du bist für mich kein Spielzeug.“
„Ruslan, hör auf! Mit mir auch nicht. Vor einer Stunde saßt du im Nebenzimmer auf dem Sofa und hast ein Mädchen geküsst. Und es hat dir eindeutig gefallen. Also, warum bist du hier? Ich habe dich nicht eingeladen.“
„Du hast es also bemerkt? Na und? Sie hat mir nichts bedeutet, ich wollte dich ärgern.“
„Ärgern? … Hör zu, Marjanow, du bist also noch verdorbener, als ich dachte. Ich habe keine Zeit für deine Kinderspiele, und ich kann diese dumme Ausrede ‚Na und?‘ nicht mehr hören. Ich habe keine Zeit, mich aufzuregen, verstanden?! Und für dich auch nicht!“
„Schnee, warum ist dein Freund abgehauen? Hinter dieser Tür sind in der Wohnung fünf ausgewachsene Vollidioten, und er hat den Schwanz eingekniffen und dich allein gelassen. Hat er gekniffen?“
„Erstens ist einer dieser fünf Vollidioten, wie du ganz richtig bemerkt hast, mein Bruder. Zweitens veranstaltet ihr eure Party in unserem Haus, und ich kann nicht gehen. Und drittens versteht mein Freund im Gegensatz zu dir und Romka sehr wohl, dass ich lernen muss und dass es schon spät ist.“
„Red dir nichts ein! Er hat dich einfach sitzen lassen!“
Ich bin vom Schreibtisch aufgestanden und stehe mitten in meinem kleinen Zimmer, während ich mir den nackten Arm am Ellbogen reibe. Offenbar bin ich wütend, denn ich habe es gründlich satt, mit diesem dreisten Kerl zu streiten. Noch gestern war er ein unbeholfener Teenager, doch in den letzten zwei Jahren ist er in die Höhe geschossen und hat breitere Schultern bekommen. Und plötzlich ist er fast einen Kopf größer als ich.
Früher konnte ich seine Aufmerksamkeit, die er mir wie selbstverständlich schenkte, leichter ignorieren, und mein eigenes Schlafzimmer wirkte nicht so eng. Warum ist es also heute so schwierig, mit ihm zu reden?
„Selbst wenn. Was geht dich das an?“
„Du weißt es.“
„Du bist so stur!“
„Ich bin eben, wie ich bin! Verlass ihn, Schnee, und wir sind zusammen!“
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, während ich in die blauschwarzen Augen des besten Freundes meines Bruders sehe, so dunkel wie Heidelbeeren. Plötzlich wirken sie wütend und kompromisslos. Sie gehören einem klugen Jungen, daran besteht kein Zweifel, der es allerdings überhaupt nicht gewohnt ist, eine Abfuhr zu bekommen.
„Ruslan …“ Ich atme aus und versuche, mich zu beruhigen und vernünftig zu antworten, doch hinter der Tür dröhnt die Musik, und ich muss trotzdem lauter werden: „Bitte. Ich scherze nicht, vor mir liegt eine Woche voller Leistungsnachweise und danach die Prüfungen an der Uni. Ich muss dafür lernen, wenn ich das Jahr gut abschließen will. Und das will ich. Ich muss …“
„Dieses ewige ‚Ich muss‘ von dir ist todlangweilig, Schnee! Genau wie dein Freund!“
Unmöglich! Selten bringt mich jemand so aus dem Gleichgewicht, aber Ruslan schafft das ständig!
Erstaunlich, wie aus dem frechen Jungen, der mir in der Schule nicht von der Seite wich, ein leidenschaftlich Verliebter geworden ist. Ha, ha, ha! Natürlich bin ich schon wieder wütend!
„Ja, todlangweilig“, erwidere ich wütend. „Wie ich selbst! Denn ich habe keine Richterin als Mutter mit den richtigen Beziehungen und keinen Direktor als Vater, den ich für meine Zwecke einspannen könnte. Und ich bin auch kein verwöhntes Einzelkind! Ich habe überhaupt keine Eltern! Und ja, ich muss darüber nachdenken, wie ich morgen leben soll! Stell dir vor, mir ist klar, dass Romkas Eltern sich nicht ihr ganzes Leben um mich kümmern können. Und ich bemühe mich auch ihretwegen! Und nein, es ist mir nicht peinlich, so langweilig zu sein, verstanden, Marjanow? Nicht im Geringsten!“
„Ich habe nie gesagt, dass du langweilig bist.“
„Doch, genau das hast du gerade gesagt! In eurer Clique gibt es doch bestimmt Mädchen, die interessanter und attraktiver sind als ich. Also, was willst du in meinem Zimmer?“
„Sie sind nicht du. Und werden es niemals sein.“
„Sie sind besser! Dann geh zurück zu ihnen und deinen Küssen!“ Ich kann auch stur sein. „Und ich muss lernen.“
Ich streiche mir die Haare zurecht und wende mich ab, um zu meinem kleinen Schreibtisch zurückzukehren. Darauf liegen Mitschriften und ausgedruckte Übungsblätter. Noch einige Stunden Lernen liegen vor mir, doch Ruslan hält mich plötzlich auf, macht einen Schritt hinter mir her und packt meinen nackten Unterarm mit seiner kräftigen Hand.
Ich habe mich längst mit den Freunden und Partys meines kleinen Bruders abgefunden und bin auf vieles vorbereitet. Ich kann diese Partys mit Kopfhörern und geschlossener Tür in meinem Zimmer aussitzen. Ich kann die Pärchen, die sich in den Ecken küssen, und die interessierten Blicke von Romkas Freunden ignorieren. Aber ich bin nicht darauf vorbereitet, dass Ruslans Berührung plötzlich meine Haut versengt und ich beim Umdrehen zusammenzucke.
„Alisa …“
„Was machst du da? …“
Eine Sekunde später werden wir beide gegen die Tür gedrückt, die der Junge noch eben mit seinem Körper versperrt hat. Wann ist er nur so stark und … mutig geworden?
Obwohl es ihm an Letzterem nie gemangelt hat.
„Küss mich, Schnee.“
„Bist du v-verrückt geworden?“ Ich kralle meine Finger in seine kräftigen Schultern und spüre plötzlich seinen heißen Atem auf meinen Lippen. „Lass mich los.“
Er riecht nach Alkohol und Zigaretten. Nicht stark, aber offenbar stark genug, dass er sich bereit fühlt, weiterzugehen. Er lässt die Hand über meinen Rücken gleiten und beugt sich zu meinem Ohr:
„Ich lasse dich nicht los, bevor du mir antwortest. Ist mir egal!“
„Was willst du wissen?“
„Frag mich, was ich jetzt tun würde, wenn du meine Freundin wärst.“
Er rückt noch näher und fordert mich auf, während seine Hüften meine berühren:
„Frag, Schnee!“
„Was … Was würdest du tun?“
Die Hitze von Ruslans Brust versengt mich, und seine Lippen gleiten so zart und sanft über meine Wange, dass ich völlig den Kopf verliere und nicht begreife, was gerade geschieht.
„Wir würden diese verdammte Tür abschließen, und du würdest jetzt nackt auf meinen Oberschenkeln sitzen. Und meine Zunge wäre genauso tief in dir wie mein …“
Oh Gott. Ich bekomme kaum Luft.
„Hör auf!“ Die Worte machen mich augenblicklich nüchtern, und ich stoße den Jungen von mir. „Das will ich nicht hören!“