Kapitel 1
Verdammte Korsak! Wo war die überhaupt hergekommen! Einen ganzen Monat lang hatte ich dieses Ärgernis und ihre Eskapaden ertragen. Ich hatte versucht, sie nicht zu beachten und ihre dämlichen Spötteleien zu ignorieren, in der Hoffnung, dass sie irgendwann die Lust verlor, aber heute hatte sie alle Grenzen überschritten.
Gänseblümchen? Krauskopf? Für wen hielt sie mich – für einen rückgratlosen Schwächling? Oder für einen dummen Idioten? Meine Freundin – ja, klar! Jeder, der uns kannte, würde so etwas nicht einmal im Traum glauben! So konnte man nur wegen einer Wette herumalbern oder weil man sich durch dummes Trollen auf Kosten anderer selbst aufwerten wollte. Aber warum sollte sie Letzteres nötig haben, wenn Leuten wie ihr ohnehin die ganze Welt gehörte, ohne irgendjemandem etwas beweisen zu müssen? Höchstens sich selbst, und auch das nur aus Langeweile. Ich war jedenfalls kein Beweisstück und würde auf das Lächeln dieser Plage nicht hereinfallen. Ihr als Gespött hinterherlaufen und sie unterhalten? Das konnte sie vergessen! Sie sollte sich einen anderen Idioten suchen! Zumal es mehr als genug Leute gab, die Korsak zu Gefallen sein wollten.
Erst war meine Stimme etwas Besonderes, jetzt waren es meine Hände … Sie hätte nur noch meine Augen besingen müssen – eine wahre Nachtigall! Man sah sofort, dass sie nicht lange nachgedacht hatte. Was hatte sie erwartet, dass ich darauf hereinfiel?
„… Du bist ja witzig, Nerd! Wie hast du noch mal gesagt, dass du heißt?“
„Anton, aber ich habe dir das nicht gesagt.“
„Egal, ich merke es mir. Ich heiße Agnia.“
„Aber ich habe nicht gefragt.“
„Und ich antworte auch nicht, Anton. Ich setze dich lediglich davon in Kenntnis. Und jetzt, da wir uns kennen, müssen wir uns nur noch einigen.“
„Worauf?“
„Darauf, Krauskopf, dass wir in Geschichte ab jetzt zusammensitzen. Wir fangen klein an, bis wir uns besser kennenlernen, und dann sehen wir weiter. Was hältst du davon?“
Ich sah das makellose, selbstsichere Lächeln einer sehr schönen Frau, die ihren Wert kannte und plötzlich beschlossen hatte, mit einem fremden Jungen einen seltsamen Scherz zu treiben, verblüfft und ratlos an. Und schon eine Sekunde später starrte ich finster und konzentriert auf volle, sinnliche Lippen mit dunkelrosa Glanz, die man eher auf dem Hochglanzcover eines Männermagazins als einen halben Meter vor sich erwarten würde.
Ich sagte vollkommen klar und deutlich, damit kein Zweifel blieb: „Ich bin dagegen!“, aber hielt das Korsak etwa auf?
Ein cooler Nerd – das war ich für sie also. Ein Sitznachbar, dessen Wünsche man nicht zu berücksichtigen brauchte. Außerdem verstand Agnia, wie sich herausgestellt hatte, das Wort „Nein“ nicht. Schon die ganze Gruppe machte sich darüber lustig, dass das schwarzäugige Ärgernis, nach dem sich die halbe Universität umdrehte (während die andere Hälfte ihr sorgfältig aus dem Weg ging), mir keine Ruhe ließ. Sogar die Dozenten sprachen sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit „Sie“ und ihrem Vornamen an. Und ich selbst hatte im vergangenen Jahr von Weitem die schlanke Brünette mit dem Gang einer Königin angestarrt, mit der zu sprechen mir unmöglich erschienen war, und jetzt …
Und jetzt gefiel ich ihr plötzlich? Echt jetzt?!
Nein, natürlich respektierte ich die Fantastik und glaubte an die Physik des Unmöglichen, aber ich zog es vor, Experimente und Theorien nicht mit meinem Privatleben zu vermischen.
Und wie hatte ich es geschafft, mit Korsak an einem Tisch zu landen? Das Leben schien sich in ein „Davor“ und ein „Danach“ geteilt zu haben. Zuerst hatte ich gedacht, dass sie bald die Lust verlieren würde. Na ja, ich konnte ihr ja schlecht absichtlich aus dem Weg gehen … Sie verlor die Lust nicht. Dafür hatte ich sie schon bis hier oben satt!
Das perfekte Mädchen. Sie hätte wie ihr berühmter Vater zum Film gehen können. An der Universität wusste niemand sicher, wessen Tochter sie war, aber viele konnten es sich denken. Nicht jeder Student besaß einen eigenen Audi und einen Stern der Auserwählten auf der Stirn. Und was sie an unserer Hochschule wollte, verstand ich nicht. Und dann auch noch im Studiengang „Ingenieurinformatik“? Sie hätte doch wie früher im Ausland studieren können – warum war sie zurückgekommen?
Zum Teufel damit! Ich wollte das nicht wissen! Und über sie wollte ich auch nicht nachdenken! Wenn ich in meinem Leben Zeit für ein Mädchen hätte, wäre es ganz sicher nicht sie. Nicht so eine wie Agnia – feurig und unruhig, bei der man nie wusste, was als Nächstes kam. Sondern ein viel leiserer und ruhigerer Mensch. Behaglicher.
Vielleicht jemand wie Ella …
Ich reihte mich in den Strom der Studenten ein und ging die Treppe hinunter. Im zweiten Stock blieb ich stehen und atmete aus, denn ich hatte absolut keine Lust, zum Englischunterricht zu gehen. Vorlesungen zu schwänzen lag mir nicht, aber das Thema kannte ich, und die Lust, einfach nur dazusitzen und vor mich hinzustarren, war restlos verflogen. Übrig blieb der hartnäckige Wunsch, alles zu vergessen und einfach auszuschlafen. Das war längst überfällig! Mein Leben war in letzter Zeit viel zu voll mit Zielen und Pflichten gewesen.
„Morosow? Anton, warte mal!“
Die Physik- und Thermodynamikdozentin, eine Frau jenseits des mittleren Alters, kam hinter der Flurecke hervor und schloss zu mir auf. Sie nahm mich beiseite und blieb am Fenster stehen.
„Guten Tag, Sofija Witaljewna.“
„Guten Tag, Anton. Sag mal, hast du Katja Ufimzewa heute gesehen?“, fragte sie mit ihrer üblichen Strenge im Blick. „Ich suche sie, aber in den Hörsälen ist Katja nirgends zu sehen. Ich brauche sie.“
„Nein. Was ist passiert? Etwas Ernstes?“
Katja war eine gute Freundin von mir, und ich machte mir unwillkürlich Sorgen. Morgen sollte sie vor der gesamten Fakultät ein Referat über Quantenphysik halten. Wir hatten dieses Referat mehr als einmal besprochen, und ich wusste, wie sehr sie sich sorgte, wie es laufen würde.
Katja Ufimzewa galt an unserer Universität völlig zu Recht als Unikum und Wunderkind. Sie hatte die Schule mit sechzehn abgeschlossen und es in zwei Jahren am Fachbereich Physik und Mathematik geschafft, das Programm von vier schwierigen Kursen durchzuarbeiten. Jetzt, kurz vor ihrem neunzehnten Geburtstag, bereitete sie sich auf die Aufnahme in ein Masterstudium vor. Mit Leichtigkeit gewann sie die regionalen Hochschulolympiaden und wollte die Universität bei der internationalen Physikolympiade in München vertreten. Wir hatten uns noch in der Oberstufe kennengelernt, als wir gemeinsam an Olympiaden in den exakten Wissenschaften teilnahmen. Eines Tages sah ich ein dünnes Mädchen mit einer großen Brille, sprach sie an und begriff, dass ich noch nie jemanden getroffen hatte, der klüger war. So begann unsere Freundschaft.
„Nichts Ernstes, Anton“, beruhigte Sofija Witaljewna mich. „Die üblichen Angelegenheiten rund ums Studium. Morgen ist der Tag der Physikreferate an der Fakultät; Journalisten und der Universitätsrat werden anwesend sein. Sergej Michailowitsch wollte noch einmal alle Teilnehmer im Dekanat versammeln, um die Reihenfolge der Vorträge zu klären. Weißt du, wo sie sein könnte?“